Die Geschichte des Hauses

Statue von Thomas Becket in der Kirche
Statue von Thomas Becket in der Kirche


Die Anfänge von St. Thomas an der Kyll reichen bis ins 12. Jahrhundert zurück. Erzbischof Thomas Becket von Canterbury, der in der Weihnachtsoktav 1170 in seiner Kathedrale ermordet wurde, hat dem Ort den Namen gegeben. Thomas wurde 1173 von Papst Alexander III. heiliggesprochen. Wenig später unternahm der Eifelritter Ludwig von Deudesfeld zusammen mit seiner Gattin Ida eine Wallfahrt zum Grab des englischen Märtyrerbischofs. Er brachte aus Canterbury eine kostbare Körperreliquie (de cerebro) mit. Gleichsam als Schrein für diese Thomas-Reliquie ließ er auf seinem Besitz im Kylltal eine Kapelle (Oratorium) errichten. Sie war eine der frühesten Verehrungsstätten des neuen Heiligen in Europa und zog von Anfang an viele Pilger an. Das Thomas-Heiligtum ließ den älteren Ortsnamen “Ernistbura” untergehen; der Ort hieß fortan “St. Thomas”.

Ansicht des Hauses von Osten her
Klostergebäude von 1744


In der Einsamkeit des Kylltales, an der Mündung eines Baches, hatten sich schon vorher Frauen von Adel und aus wohlhabenden Familien, die nicht “der Welt” leben, sondern “arm dem armen Christus” folgen wollten, in einer Art Einsiedlerkolonie niedergelassen. Zwei Töchter des erwähnten Ritters von Deudesfeld schlossen sich diesen Frauen an. Spätestens zu diesem Zeitpunkt begann in St. Thomas ein klösterliches Gemeinschaftsleben nach zisterziensischer Ordnung. Mönche der nahen Abtei Himmerod übernahmen die Seelsorge im Kloster und am Thomas-Heiligtum. Einer Bestätigungsurkunde von 1185 ist zu entnehmen, dass es sich bei dem Zisterzienserinnenkloster um eine Stiftung des Deudesfelder Ritters Ludwig, seiner Frau Ida und ihrer Erben handelte, wozu der damalige Trierer Erzbischof Arnold I. (1169-1183) seine Zustimmung gegeben hatte. Der Konvent wuchs rasch, so dass 1188 ein Teil der Schwestern in die Neugründung Hoven bei Zülpich (Erzbistum Köln) übersiedelte. Nach der Grundausstattung durch die Stifterfamilie war es vor allem Agnes von Malberg, die durch ihre Schenkungen dafür sorgte, dass die materielle Existenz des Klosters gesichert war. Im Laufe der Zeit kamen weitere Besitzungen in der Eifel, an der Mosel und im Luxemburgischen hinzu. Aus den Adelsfamilien der Region kam der Großteil der Nonnen.

Regenbogen über dem Klosterhof
Klosterhof mit Regenbogen


Der Trierer Erzbischof Johann I. bestätigte 1193 der Frauenabtei im Kylltal ihre Rechte und Güter. Trotz des erzbischöflichen Schutzes bedrückte und bedrängte der Burgherr Rudolf im nahen Malberg das Kloster, so dass die Schwestern 1239 nach Trier fliehen mussten. Gegen ihren Bedrücker protestierend hielten sie dort täglich eine Bittprozession zum Dom. Die Schwestern konnten schließlich in ihr Kloster zurückkehren.

Blick auf die Kirche von Westen
Blick auf die Kirche von Westen


Die 1222 geweihte Kirche (Inschrift im Chor) blieb bis heute erhalten. Vom hohen Niveau des geistlichen Lebens im Konvent zeugt das “Gebetbuch aus St. Thomas” aus der Zeit um 1300. Es wird heute in der Stadtbibliothek Trier aufbewahrt. Darin wurde die älteste bisher bekannte Form des “Leben-Jesu-Rosenkranzes” entdeckt. Der “Rosenkranz aus St. Thomas” verbindet erstmals eine Reihe von 100 “Gegrüßet seist du, Maria” mit Betrachtungspunkten aus dem Leben Jesu, den “Geheimnissen” oder “Gesätzen”.

Das 1912 errichtete Franziskustor
Blick durch das 1912 errichtete Franziskustor


Als 1794 die französischen Revolutionstruppen das Trierer Land eroberten, war das Schicksal der Zisterzienserinnenabtei St. Thomas besiegelt. 1802 wurde das Kloster aufgehoben. 1847 erwarb der Preußische Staat das stattliche Gebäude, das 1744 nach einem Brand neu errichtet worden war. Er überließ es 1852 dem Bischof von Trier als Einrichtung für die innere Erneuerung von Geistlichen. Von 1910 bis 1942 wirkten Franziskaner in St. Thomas. 1946 machte das Bistum Trier das ehemalige Kloster zum diözesanen “Priesterhaus” unter der Leitung eines geistlichen Direktors. Heute ist St. Thomas das Exerzitienhaus des Bistums Trier und damit ein Ort spiritueller Vertiefung und Ausstrahlung, wo Priester, Diakone, Ordensleute, in der Seelsorge und in caritativen Diensten tätige Laien und verschiedene Gruppen sich zu Fortbildungskursen, Exerzitien und Einkehrtagen in der wohltuenden Stille des Kylltals einfinden.


Prof. em. Dr. Andreas Heinz